Katholische Gemeinden aus Afrika, Asien und Lateinamerika

(ARGE AAG)

 

1. Die Geschichte der ARGE AAG

Wien war seit jeher eine internationale Stadt. Im Unterschied zu den Migrantengemeinden aus dem europäischen Raum, die teilweise schon auf die Monarchie zurückgehen, stellt die Zuwanderung aus Afrika, Asien und Lateinamerika ein vergleichsweise junges Phänomen dar. 1982 wurde auf Initiative von Weihbischof Florian Kuntner und des Leiters des Afroasiatischen Instituts, Petrus Bsteh, die „Arbeitsgemeinschaft der Gemeinden aus Afrika und Asien“ (ARGE AAG) gegründet. Kurze Zeit danach schloss sich auch die junge Lateinamerikanische Gemeinde der ARGE an, die damit zur Repräsentantin der Kirchen aus den Ländern des Südens und Fernen Ostens wurde. Strukturell ist die ARGE AAG – zusammen mit den europäischen Gemeinden – im „Referat für Anderssprachige Gemeinden“ in der Erzdiözese Wien verankert, das seit 2006 mit Weihbischof Scharl einen eigenen Bischofsvikar besitzt. Rektor der ARGE ist seit 2003 Dr. Johannes Gönner, die Stelle des Generalsekretärs hat MMag. Alexander Kraljic inne.

 

 



Alexander Kraljic

 

 

2. Die Gemeinden der ARGE AAG



 

Schätzungen sind mindestens 20% der Katholiken Wiens „anderssprachig“. Entscheidend ist dabei nicht so sehr die Frage der nationalen Zugehörigkeit (viele besitzen bereits die österreichische Staatsbürgerschaft), sondern vielmehr die kulturelle Identität, die oft über Generationen weitergegeben wird. Ziel der ARGE AAG ist es, diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, ein christliches Gemeindeleben in ihren Traditionen, Sprachen und Riten zu entfalten.

 

Neben organisatorischen Fragen (etwa geeignete Gottesdienststätten und Seelsorger für die Gemeinden zu finden) stehen vor allem das pastorale Anliegen im Vordergrund, die eigenen Wurzeln zu bewahren und zugleich in der Kirche von Wien eine religiöse Heimat zu finden. Darum verbinden uns gemeinsame Veranstaltungen das ganze Jahr über: z.B. Adventfeier, Aschermittwoch, Pfingsten mit Firmung, Weltkirchensonntag, Lange Nacht der Kirchen, Begegnungsfeste in und außerhalb Wiens.

Derzeit sind folgende katholische Gemeinden in der ARGE AAG vertreten: Afrikanische Gemeinde (englisch-, französisch-, swahili- und akkansprachiger Zweig), Chinesische Gemeinde, Indische Gemeinde (syromalabarischer, syromalankarischer, tamilischer, singhalesischer und bengalischer Zweig), Indonesische Gemeinde, Japanische Gemeinde, Koreanische Gemeinde, Lateinamerikanische Gemeinde (spanisch- und portugiesischsprachiger Zweig), Philippinische Gemeinde, Vietnamesische Gemeinde, die Gemeinde aus dem Nahen und Mittleren Osten (chaldäischer, maronitischer, melkitischer und persisch-afghanischer Zweig) sowie die Internationale Gemeinde, aus der alle übrigen hervorgegangen sind. Darüber hinaus haben sich einige kleine orientalisch-orthodoxe Kirchen, die in Österreich derzeit noch keinen Rechtsstatus besitzen – u. a. die Äthiopisch-orthodoxe, die Assyrisch-orthodoxe und die Indisch-orthodoxe Gemeinde – der ARGE angeschlossen.

Hinsichtlich der Mitgliederzahl reicht das Spektrum von etlichen Tausend (z. B. Philippinische Gemeinde) bis ein paar Dutzend Personen (z. B. Japanische Gemeinde), die aus unterschiedlichen Motiven nach Österreich gekommen sind. So finden sich unter ihnen Diplomaten und Mitarbeiter internationaler Organisationen (UNO, OPEC etc.) ebenso wie Geschäftsleute, Studenten, Ärzte und Krankenpflegepersonal, aber auch Asylwerber und Personen ohne regulären Aufenthaltsstatus.

 

 

3. Das Studienförderungsprogramm der ARGE AAG

Wegen des großen Interesses von Bischöfen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, Priester zur Vertiefung ihrer theologischen Ausbildung nach Europa zu schicken, betreibt die ARGE AAG seit vielen Jahren ein Studienförderungsprogramm, in dem derzeit rund sechzig Priester betreut werden. Die Begleitung umfasst sowohl den organisatorisch-administrativen Bereich (Aufenthaltstitel, Versicherung, Studienzulassung etc.) als auch inhaltlich-integrative Aspekte (bes. theologische und gesellschaftliche Fragen). Die meisten Priester wohnen in Pfarren, wo sie als Aushilfskapläne die Möglichkeit haben, neben ihrem Studium auch die pastorale Situation in Wien kennen zu lernen; die übrigen sind als Leiter einer anderssprachigen Gemeinde im Einsatz. Gemäß den Richtlinien aus Rom wird mit dem entsendenden Bischof eine Vereinbarung geschlossen, in der Zweck, Dauer und Regeln des Aufenthalts festgehalten sind. Einen zentralen Punkt bildet dabei die Verpflichtung zur Rückkehr in die Heimatdiözese, da die Ausbildung vor allem den Ortskirchen zugute kommen soll. Wie schon die Gemeinden versteht sich auch das Studienprogramm als Bereicherung der lokalen Tradition und als ein Hauch von „Weltkirche“ in Wien.

 

 

4. Die Canisiuspfarre (9. Bezirk) als internationales Zentrum in Wien

Seit Jänner 2008 hat die ARGE AAG ihren Sitz in der Canisiuspfarre im 9. Bezirk. Diese wurde von den Jesuiten an die Diözese zurückgegeben und ist mittlerweile ein Modell für die Zusammenarbeit zwischen Pfarre und anderssprachigen Gemeinden geworden. Neben dem Büro der ARGE AAG ist auch deren internationale Priesterwohngemeinschaft hier angesiedelt. Es sind dies die Seelsorger einiger katholischer und orientalisch-orthodoxer Gemeinden sowie studierende Priester, die noch auf ihren Pfarreinsatz warten. Dadurch sollen nicht nur das interkulturelle Zusammenleben (mit Deutsch als gemeinsamer Sprache!), sondern auch der ökumenische Dialog zwischen den Kirchen gefördert werden.

Auch einige kleinere Gemeinden haben in der Canisiuspfarre eine Heimat gefunden. Derzeit feiern die französischsprachige afrikanische, brasilianische, indonesische, japanische und persisch-afghanische Gemeinde hier regelmäßig Gottesdienste, andere nützen die Räumlichkeiten u. a. für Bibelrunden, Katechesen, Chorproben etc. Auch eine Bibliothek für christliche Literatur in den Sprachen der Gemeinden – etwa auf Chinesisch, Japanisch oder verschiedenen afrikanischen Sprachen – ist im Aufbau. Seit Herbst 2009 ist der Rektor der ARGE AAG, Dr. Johannes Gönner, zugleich auch Pfarrer der Wiener Gemeinde, wodurch das Zusammenwirken von Pfarre und anderssprachigen Gemeinden auch auf personeller Ebene sichtbar wird.

Alexander Kraljic