Gebet als Eintauchen in Musik

Hier geht’s nicht um „Meditations-Musik“, oder gar um Kaufhaus-Hintergrund-Musik. Ich meine Musik, die selbst schon Gebet ist. Um Musik, die eine ungeahnte Welt aufsteigen lässt. Oder auch um Musik, die mich versteht, besser als ich mich selbst – und die mich ehrlicher aussprechen und beten lässt, als ich es allein vermocht hätte.

Also beginnen wir, ja beim wem denn sonst: bei Mozart. 23. Klavierkonzert, c-moll, 3. Satz. Ein Rondo. Ein Rondo ist immer gut, wenn wir etwas nichts aufs Erste verstehen, sondern mehrere Anläufe brauchen. Das Orchester beginnt mit einem Thema, das so richtig „owizaht“, sich also resignierend die Tonleiter hinunter seufzt, und das mit einer Hartnäckigkeit… Gut passend, wenn ich mich wieder einmal von irgendetwas entmutigen lasse.   

Diesem Jammer widersetzt sich das Klavier, also Mozart selbst. Mit Energie, mit Lebensfreude und natürlich mit seiner unerschöpflichen Phantasie. Immer wieder. Manchmal gelingt es ihm, dem Orchester etwas von seiner Schwere zu nehmen, es aufzumuntern. Aber der Zug hinunter, der bleibt lange, auch wenn die Bläser bereits einstimmen. Es ist der Esprit, der unwiderstehliche Geist seiner Musik, die schon etwas einfängt vom belebenden Geist Gottes, der uns einfach nicht untergehen lässt.

https://www.youtube.com/watch?v=A9ftzFuQBHY

 

Eine ganz andere Welt tut sich auf in Ravels 2. Klavierkonzert, G-Dur, 2. Satz. Selten bin ich selbst so ruhig, um gleich eintauchen zu können in diese friedliche Welt. Anfangs könnte der Verdacht aufkommen, Friede, Harmonie, Himmel… könnte langweilig sein. Es ist ein ganz weiter Bogen, den zuerst das Klavier allein zieht. Und immer, wenn er wieder zu uns zurück kommt, nimmt er andere Stimmen auf, zuerst die Flöten, die Holzbläser, die Streicher… Und mit jeder Stimme wird der Klang vielfältiger, geheimnisvoller.   

Als wäre da ein ganz, ganz großer runder Tisch, an dem immer noch jemand Platz findet, wirklich Platz findet und sich mit seinen Eigenheiten einbringen darf. Auch durchaus schräge und dramatische Töne stören diesen Zauber nicht, ganz im Gegenteil. Der ewige Gastgeber und die an seinem Tisch Platz genommen haben, ihr Zusammenspiel zieht dich an… und ohne es zu merken bist du selbst Teil geworden…

https://www.youtube.com/watch?v=nnHsU4Q_Las

 

Was war denn das? Wie vom Blitz getroffen steh‘ ich da! Und muss dafür gar nicht jung sein. Beethoven war ein alter, kranker Mann, als er seine langen, schwierigen, grüblerischen Spätwerke schuf. Und  dann das! Dieses Presto aus dem Streichquartett op.130 ist einfach unglaublich, nicht zu fassen.   

 Was ist denn los mit mir? Bin doch sonst so ein ausgeglichener Mensch, und dann das! Ich bin völlig durcheinander, richtig verstört. Und weiß doch gar nicht, ob ich jetzt glücklich oder todtraurig, verstört oder begeistert bin. Ich weiß nur: Ich lebe, mehr als je zuvor. Was wird jetzt aus mir? Wohin… führst du mich?

https://www.youtube.com/watch?v=292Oy1U6SSI

 

Das sind nur drei relativ leicht eingängliche Beispiele. Schwieriger schon Schuberts letztes Streichquartett in G-Dur: einer, der sein ganzes Leben, sein großartiges und doch auch so belastetes Leben ohne Beschönigung ansieht – und im Gebet annimmt. Oder Bruckners 5. Sinfonie: reinste Mystik. All die vergeblichen Anläufe, all die Enttäuschungen, bis Gott und Mensch dann doch eins werden dürfen.